Von Kraken, Antisemitismus und anderem Unfug

Vor einigen Tagen teilten wir über unseren Twitter-Account mit, dass DKP-Aufkleber mit einem bestimmten Motiv, die kürzlich in Werne aufgetaucht sind, von uns entfernt worden seien. Dieser Tweet ist – gemessen an der gewöhnlichen Reichweite unserer Posts – sehr breit rezipiert worden und hat einiges an Diskussionen nach sich gezogen und darunter auch ein paar ganz schön fiese Reaktionen. Wir haben uns daher dazu entschieden, einen kleinen Beitrag dazu zu verfassen. Einerseits weil wir das, was passiert ist, noch einmal aufarbeiten möchten und unsere Kritik etwas ausführlicher ausformulieren wollen als in 140 Zeichen. Andererseits, weil wir hier auch zu einigen Beiträgen in der entstandenen Diskussion Stellung beziehen möchten. Vorab: es geht uns weder darum, gegen die DKP zu „hetzen“, noch bereitet es uns ein besonderes Vergnügen, uns mit anderen Linken anzulegen. Wir haben – auch hier in Werne – mit genug Mist zu tun, darunter auch mit Antisemitismus, der ein paar fragwürdige DKP-Aufkleber locker in den Schatten stellt. Gerade deshalb finden wir es aber umso wichtiger, die Debatte zu führen und latenten Antisemitismus oder einen unkritischen Umgang mit latent antisemitischer Symbolik auch in „der Linken“ zu kritisieren.

Worum geht’s überhaupt?

Auf den ersten Blick mag es seltsam wirken, dass wir uns über die Aufkleber beschweren, da sowohl die DKP als auch wir ja erstmal unter dem Label ‚links‘ unterwegs sind und wir uns als Antifa ja eigentlich eher damit beschäftigen, rechte Sticker abzukratzen. Der Grund dafür liegt im Motiv. Während beispielsweise die drei bis vier anderen DKP-Motive, die in Werne aufgetaucht sind, weitestgehend oder zumindest einigermaßen klargehen, zeigt das von uns beanstandete Motiv eine Krake und die Slogans: „Kein Europa der Banken und Konzerne“ und „(…)Nein zur EU!“. Den Kopf der Krake ziert die Flagge der Europäischen Union, an den Enden ihrer Tentakel stehen die Begriffe „EU-Armee“, „CETA“, „TTIP“ und „Troika“. Nun gibt es sicherlich gute Gründe für einen kritischen Blick auf die EU, uns geht es aber um die verwendete Symbolik. Denn – wie wir auch in dem Tweet erwähnten – handelt es sich dabei unserer Meinung nach um ein antisemitisch geprägtes Bild.

Die „Stürmer-Krake“

In der Diskussion um den DKP-Aufkleber aber auch um zahlreiche andere Kraken-Karikaturen der letzten Jahre ist häufig von der sogenannten „Stürmer-Krake“ die Rede. Dabei handelt es sich um eine Zeichnung Josef Planks aus dem Jahr 1938 für den Stürmer, eine antisemitische Zeitung aus der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus‘. Diese zeigte eine Krake, die die Welt umschlingt und mit einem Davidstern als Metapher für eine globale „jüdische Bedrohung“ markiert wurde. Der antisemitische Gehalt dieser Zeichnung braucht unserer Meinung nach nicht groß diskutiert werden. Seit dem gab es immer wieder mal Diskussionen über Kraken-Karikaturen, die mit Verweis auf die Zeichnung von 1938 als (latent) antisemitisch kritisiert wurden – und immer gab es heftigen Zoff darum. Hier noch ein Lesetipp zum Thema.

Und was hat das mit dem DKP-Aufkleber zu tun?

In der Tat ist einer der häufigsten Einwände, dass doch die Verwendung im Nationalsozialismus nicht alle Krakenmotive auf ewig als antisemitisch brandmarken könne. Erstens war jedoch die sogenannte „Stürmer-Krake“ durchaus stilprägend und damit alles andere als eine kleine Randnotiz in einer imaginären altehrwürdigen Historie der Kraken-Karikaturen. Zweitens ist das Krakenmotiv auch so schon anschlussfähig an antisemitische Stereotype: eine (in der Regel personifizierte) weltumspannende, alles an sich reißende, finstere Bedrohung. Klingelt da was? Ja, das ist auch ganz ohne Davidstern schon ziemlich nah dran an der antisemitischen Vorstellung von einem angeblich raffenden, von Natur aus bösen und nach der Weltherrschaft gierenden, verschwörerischen Judentum. Das heißt, dass auf Krakenkarikaturen, die ein solches Set an Zuschreibungen teilen, nicht erst in großen Buchstaben und dick unterstrichen „Wir haben übrigens was gegen Jüd*innen“ stehen muss, um verdammt nah (zu nah!) am Antisemitismus zu sein. Und auch wenn sich einzelne Menschen beim Anblick der Krakenkarikaturen nicht direkt denken mögen „Oha, hier geht’s ja um Jüd*innen“, wird ihnen doch eine Form von Kritik nahegebracht, die für die beschriebenen antisemitischen Stereotype anschlussfähig ist. Und das kann nicht im Sinne einer emanzipatorischen Linken sein.
Auch wenn wir sicherlich unsere inhaltlichen Differenzen mit der DKP haben, würden wir ihren Mitgliedern nun nicht unterstellen, allesamt offene Antisemit*innen zu sein. Aber das Motiv mit der Krake auch noch in Kombination mit dem Verweis auf „Banken und Konzerne“ noch als irgendwie unglücklich gewählt zu betrachten, fällt uns doch schon ganz schön schwer. Vielleicht mag der DKP der latente antisemitische Gehalt des Aufklebermotivs entgangen sein. Vielleicht hat die Person, die das Motiv erstellt hat, tatsächlich von den Debatten der letzten Jahre um diverse Kraken-Karikaturen einfach nichts mitbekommen. Dann wäre es ja sehr erfreulich, wenn unsere Kritik vielleicht einen Reflexionsprozess in Gang setzt, an dessen Ende solche Krakensymbolik aus dem Repertoire der Partei – und vielleicht auch irgendwann einmal aus der Linken insgesamt und dem Rest der Gesellschaft – verschwindet. Solange werden wir weiter die betreffenden Aufkleber selbst entfernen.

FAQ oder so

Wir möchten abschließend exemplarisch auf einige der Fragen, Statements und Vorwürfe reagieren, die während der Debatte um unseren Tweet aufgetaucht sind und die wir nicht einfach so unbeantwortet stehen lassen möchten:

1. „Aber es geht doch um Kritik an der EU“ (Beispiel)
- Wahrscheinlich geht es der Person, die das Motiv erstellt hat, in der Tat nicht darum, eine jüdische Verschwörung hinter der EU zu implizieren, sondern um eine Darstellung der EU als bedrohliche Institution. Das ändert jedoch nichts daran, dass sich hier (möglicherweise unbewusst) latent antisemitischer Bildersprache bedient wurde und das auch kritisiert werden darf – und unserer Meinung nach auch kritisiert werden muss! Schließlich wollen wir ja auch keine rassistische oder faschistische Bildersprache, um unsere Inhalte zu verbreiten.

2. „Verdammte Nazipartei!“
- Das halten wir nun doch für etwas übertrieben. Eine solche Behauptung geht aber auch aus unserer Kritik nicht hervor. Weder halten wir die DKP und ihre Mitglieder für Nazis, noch für „so schlimm wie Nazis“. Die Schlussfolgerung, Kritik an der Verwendung antisemitischer Symbolik impliziere automatisch den Vorwurf, Nazi zu sein, verweist eher auf Scheuklappen im Verständnis von Antisemitismus, der eben kein ausschließlicher Charakterzug der politischen Rechten ist.

3. „Antifa macht sich zum Handlanger des deutschen Staatsschutz‘“
- Weil wir Aufkleber kritisieren, die ein latent antisemitisches Motiv enthalten? Was bringt das dem Staatsschutz? Und was hätten wir umgekehrt davon, das Motiv einfach stillschweigend so hinzunehmen? Was wäre das für eine politische Linke, die innerlinke Kritik gleich als Zusammenarbeit mit den Repressionsorganen empfindet? Antwort: 1 falsche!

4. „Hätte man also damals z.B. einen Schmetterling als Metapher verwendet, dann wäre heute ein Schmetterling problematisch?“
- Gute Frage. Die umschlingende Krake ist schon an und für sich eine problematische Metapher und – wie wir oben erwähnt haben – anschlussfähig für Antisemitismus und Verschwörungsdenken. Ob ein Schmetterling das Potenzial gehabt hätte, eine ähnliche Wirkung und daraus folgend auch eine solche historische Belastung zu erreichen, werden wir wohl nie erfahren. Allerdings gibt es ja durchaus auch Motive, die auch im NS verwendet wurden, die aber nicht in dem Maß mit der Ideologie der Nazis identifiziert werden.

5. „Wollt ihr etwa die Shoah mit so einem Quatsch relativieren?“
- Nö. Uns erschließt sich aber auch nicht wirklich, warum Kritik an latentem Antisemitismus die Shoah relativieren sollte.

6. „Aber gegen die Evangelische Kirche kein Protest von links wegen Lutherjahr? War der nicht Antisemit? Ohne Worte…“
- Zunächst einmal: Ja, auch Martin Luther und der Hype, den Teile der Kirche um ihn machen, ist kritikwürdig und das nicht nur wegen Luthers antijüdischer Hetze. Allerdings gibt es weder keine Proteste von linker Seite dagegen, noch sind wir der Meinung, dass eine Kritik an einem Antisemitismus wichtiger sein sollte als an einem anderen. Die Losung bleibt halt immer noch: gegen jeden Antisemitismus. An einer Checkliste, die vorschreibt, dass wir zunächst den Antisemitismus deutscher Neonazis, dann den der Hamas, dann den Martin Luthers und dann irgendwann einmal ganz am Ende auch den latenten auf DKP-Aufklebern kritisieren dürfen, halten wir für ziemlichen Unfug.

7. „Diese Antisemitismus-Sichtweise = bedenklich“
- Wir sind nicht der Meinung, dass es sich hier lediglich um eine spezielle „Antisemitismus-Sichtweise“ handelt sondern schlicht um Kritik an der Verwendung antisemitischer Bildersprache innerhalb der politischen Linken. Das kann mensch ja persönlich doof finden, weil mensch meint, dass Kraken zu freshen Aufklebern irgendwie dazu gehören, das hindert uns allerdings nicht daran, diese Aufkleber weiterhin zu kritisieren und zu entfernen.

8. „Das ist schon ein wenig lächerlich, oder?“
- Finden wir nicht, sonst würden wir uns die Arbeit auch nicht machen. Die Verwendung antisemitischer Chiffren in Kreisen, die sich ja schon auch die Ablehnung von Antisemitismus auf die Fahnen geschrieben haben, halten wir für ziemlich problematisch. Kritik daran erscheint uns entsprechend als absolut notwendig.

9. „Habt ihr euch wenigstens die Mühe gemacht, die Sache direkt mit der DKP zu besprechen?“
- Touché. Nein, wir haben tatsächlich nicht mit der DKP gesprochen. Das ist allerdings auch nicht ganz so einfach. Die Person, die die Aufkleber geklebt hat, ist uns ebensowenig bekannt, wie die DKP-Strukturen in der Umgebung. Wir werden aber versuchen, das nachzuholen.

10. „Die Rede von ‚Antisemitismus‘ ist oft zionistische Hate-Speech; zionistische Hetze, um Apartheid-Israel, zionistischen Rassismus und Folter zu verteidigen.“ (Beispiel)
- Nö. Das Ereifern über den „bösen, bösen Zionismus“ ist – wie in diesem Fall – jedoch häufig plumper Antisemitismus. Die Bezeichnung Israels als Apartheidsstaat relativiert zudem die Zeit der Apartheid in Südafrika.

In diesem Sinne: Für eine linke, emanzipatorische Kritik an der EU ohne Rückgriffe auf antisemitische oder sonstige reaktionäre Motive! Für eine Linke, die sich von der „Stürmer-Krake“ emanzipiert!


1 Antwort auf „Von Kraken, Antisemitismus und anderem Unfug“


  1. 1 anonym 19. August 2017 um 14:09 Uhr

    Vielen Dank für den Beitrag. Hatte die Sache auch auf Twitter verfolgt und war relativ entsetzt über den Umgang damit und die Reaktion.

    Wollte nur zu dem Kommentar bezüglich Kritik an Luther noch ergänzen, dass selbstverständlich der Hype um die Person Luther und die Inhalte für die dieser steht gerade im sog. Lutherjahr stark kritisiert wird. So zum Beispiel auf http://gegendiehelden.blogsport.eu/ (auch auf Twitter zu finden) und durch verschiedenste Veranstaltungen und Aktionen.

    Nochmal viele Dank und solidarische Grüße

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