Archiv für November 2016

Aufruf zur Antira-Demo in Lünen

Noch ist nicht klar, wer in der Nacht vom 22. auf den 23. Oktober mit Stahlkugeln auf eine Unterkunft für Geflüchtete in Lünen-Süd geschossen hat. Wahrscheinlich wird es auch nie geklärt werden. Sicher ist hingegen, dass es bereits im vergangenen Jahr ähnliche Angriffe in und um Lünen gab. Ob Stahlkugeln, Schreckschusswaffen oder Luftpistolen – die Angriffe auf die Unterkünfte Asylsuchender oder auf als „Ausländer“ gelesene Menschen mit und ohne Migrationshintergrund im Kreis Unna sind real. Auch wenn die Täter*innen also unbekannt bleiben, ist ein rassistischer Hintergrund mehr als wahrscheinlich. Dies gilt umso mehr, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass solche Angriffe in Deutschland aktuell an der Tagesordnung sind.
Dass sie auch im Kreis Unna verübt werden, mag manche verwundern, denn rechte Szenen sind hier im Vergleich zu den umliegenden Städten wie Dortmund oder Hamm eher schwach aufgestellt. Wenn mensch sich allerdings vor Augen hält, dass es für derartige Taten nicht des Klimas einer rechten Hochburg bedarf, sondern lediglich des sich radikalisierenden Rassismus‘, der seit einigen Jahren überall in Deutschland, in Europa und natürlich auch hier an die Oberfläche drängt, dann überrascht es eigentlich kaum. Die AfD ist Ausdruck dieses neuen Selbstbewusstseins, mit dem rassistische Vorurteile artikuliert und in Taten umgesetzt werden. Auch wenn die rechtspopulistische Partei es besser als andere Parteien versteht, die „besorgten Bürger*innen“ hinter sich zu sammeln, ist auch sie nicht die Verursacherin der Rassismuskrise, die Geflüchtete zur existenziellen Bedrohung für das imaginierte „Abendland“ stilisiert. Der Rechtsruck hatte Vorläufer*innen wie die Sarrazin-Debatte, und dass das Thema Migration in Deutschland immer wieder rechten Hetzer*innen Auftrieb verschafft, ist nicht erst seit den 90er Jahren bekannt. Unsere Gesellschaft hat ein gewaltiges Problem mit rassistischen Einstellungen, und sollte der momentane Rechtsruck noch gestoppt werden, werden diese weiterhin bleiben. Uns geht es daher nicht nur um Solidarität mit Geflüchteten, sondern auch darum, dass sich hier noch einiges mehr ändern muss, wenn wir nicht in 20 Jahren mit der nächsten rassistischen Welle rechnen wollen.
Wir rufen daher zur Beteiligung an der antirassistischen Demonstration in Lünen am 19. November um 12 Uhr am Hbf Lünen auf. Zeigen wir, dass wir solidarisch an der Seite der Menschen stehen, die mit uns das Ziel teilen, Rassismus konsequent zu bekämpfen. Aus Werne empfiehlt sich die Anreise mit dem Zug um 12:05 Uhr (keine Sorge, die Demo wird uns nicht weglaufen).

Gedenkkundgebung am 9.11. in Werne

Vor 78 Jahren brachen im gesamten Deutschen Reich (und teilweise darüber hinaus) die sogenannten Novemberpogrome aus, die ihren Schwerpunkt vor allem in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 hatten. In unzähligen Städten zerstörten Nazis gemeinsam mit den „ganz normalen Bürger*innen“ Synagogen, plünderten jüdische Geschäfte und jagten Jüd*innen oder solche, die sie dafür hielten. Die Pogrome zeigten den Nazis nicht nur, dass große Teile der Bevölkerung ihren Antisemitismus teilten und diesem bereitwillig Taten folgen ließen, sondern können auch als einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zur gezielten Vernichtung von schätzungsweise 6 Millionen Jüd*innen, dem Holocaust, gesehen werden.
Auch im kleinen Werne gingen Nazis und Bürger*innen-Mob auf jüdische Menschen los, zerstörten ihre Geschäfte und die örtliche Synagoge. Auch im kleinen Werne verlief eine Aufarbeitung dieser Taten nach der Niederlage im Zweiten Weltkrieg nur zögerlich. Und auch im kleinen Werne zeichnet sich – wie auch im Rest des Landes der Täter*innen – ab, dass zu viele Menschen der Meinung sind, mit der Vergangenheit habe mensch sich nun lange genug ’rumgeschlagen. Während hier Menschen antisemitische Hetzbotschaften verteilen und den Holocaust leugnen, schlagen sie anderswo Jüd*innen zusammen oder fordern, mit dem angeblichen „Schuldkult“ zu brechen. Die Leute, die gestern noch gesagt haben, es müsse auch mal Schluss sein mit dem ständigen Erinnern, sowas könne ja nie wieder passieren, sind heute auf den Straßen und ziehen mit Fackeln vor die Unterkünfte von Geflüchteten oder schänden jüdische Gräber. Was früher zwar da, aber tabuisiert war, sprechen sie nun wieder (am liebsten im sozialen Netzwerk) offen aus: den Wunsch, endlich wieder Täter*innen zu sein, endlich wieder wie die Großeltern zu sein, endlich wieder Volksgemeinschaft zu sein.
Wir rufen daher zur Beteiligung an der jährlichen Gedenkveranstaltung in Werne auf, um die Erinnerung an die Verbrechen der Deutschen nicht verblassen zu lassen. Wir sagen aber auch, dass Erinnern mehr bedeutet. Die Antisemit*innen, die Rassist*innen, die Nationalist*innen von heute sind genau wie damals keine abstrakte Masse an irgendeinem entfernten Ort. Sie sind Familienangehörige, Mitschüler*innen, Bekannte, Lehrer*innen, Nachbar*innen, Kolleg*innen – und das Repertoire an Möglichkeiten, sich mit ihnen auseinanderzusetzen, ist groß.

Die städtische Gedenkveranstaltung am Mittwoch, dem 9. November, beginnt um 16:45 Uhr in der Marktgasse am ehemaligen Standort der Synagoge.