Wider den antifeministsichen Rollback

Anlässlich des Frauen*kampftages 2016 und verschiedener anstehender Termine im März haben wir uns ein paar Gedanken zu dem gesellschaftlichen Rollback in Sachen Geschlechterverhältnisse gemacht, aus denen dieser Text entstanden ist. Er fungiert zugleich auch als Aufruf, sich an den verschiedenen Veranstaltungen und Protesten im März zu beteiligen.

Antisexismus von rechts?

Sexismus und sexuelle Gewalt gegen Frauen* sind in aller Munde. Verantwortlich dafür ist vor allem die Kölner Silvesternacht. Das Tragische daran ist, dass es erst „übergriffiger Fremder“ bedurfte, damit sich wieder eine breite Öffentlichkeit dem Thema widmet. Weiterhin wird das neuerliche Interesse am Thema dadurch getrübt, dass viele dieses durch eine verzerrende Brille betrachten. Sexuelle Übergriffe und Sexismus in jeder Form wird einseitig Migranten und geflüchteten Männern zugeschrieben. Nicht nur wird hier ein Stereotyp ausgegraben, dass durch die Geschichte hindurch immer wieder neu aufgewärmt wurde – von den verführenden jüdischen Männern, über den wilden und hyperpotenten Afrikaner bis hin zu den frauen*verachtenden Muslimen. Während der Lichtkegel auf den Sexismus „der Anderen“ gerichtet wird, bleibt außerdem im Dunkeln, was schon lange da ist. Die Auseinandersetzung mit Übergriffen, individuellem wie strukturellem Sexismus und Heteronormativität in der eigenen Gesellschaft wird verlagert. Diese Projektion ist rassistisch, weil sie beispielsweise übergriffiges Verhalten aus der Herkunft von Menschen herleitet. Dabei ist gleich, ob der entscheidende Faktor hier die Gene oder die vermeintlich rückständige Kultur sein soll. Nebeneffekt solcher Projektionen ist, dass sich die eigene Gruppe im Gegenzug als die aufgeklärte, zivilisierte, moderne Welt imaginieren kann, denn „die Anderen“ sind die „Wilden“, mit denen mensch nichts zu tun haben will und die nicht zu „uns“ gehören.
Dummerweise prädestinieren weder Gene noch Kulturzugehörigkeit Menschen dazu, auf der einen Seite der europäischen Außengrenzen zu „Sex-Bestien“ oder zum „Gipfel der Zivilisation“ auf der anderen Seite zu werden. Eine ausführlichere und gelungene Auseinandersetzung mit dem Mythos des „übergriffigen Fremden“ findet ihr übrigens bei der Amadeu Antonio Stiftung. Dennoch liegt es gerade wieder stark im Trend, sich auf die Suche nach übergriffigen Geflüchteten zu machen. Und wenn es an tatsächlichen Fällen – die es genauso gibt wie die Fälle von übergriffigen „einheimischen“ Sexist*innen – mangelt, dann reichen auch schon mal Gerüchte, um den Volkszorn zu kanalisieren. Rassist*innen und Rechte instrumentalisieren mit wachsender Begeisterung das Thema sexueller Gewalt, um damit ihre Hetze zu verbreiten. Das Thema Sexismus interessiert sie dabei eher wenig. Übergriffe sind da, wo sie in die rassistische Deutung passen, nützlich und da, wo das nicht der Fall ist, eben nicht. Entsprechend störend empfinden die neuen angeblichen Frauenschützer*innen dann auch den Einwurf von feministischer Seite, dass es Sexismus in allen Gesellschaften gibt und es sich nicht um ein Problem handelt, dass mit Geflüchteten quasi „importiert“ wird. Dieser Einwand passt nicht zum erwähnten modernen aufgeklärten Selbstbild. Ein Mob von Bürgerwehren über AfD, von Pegida über Kommentarspaltenheld*innen bis hin zu Neonazis erklärt sich zum neuen Schutzpatron „unserer“ Frauen* – getreu der Parole, dass deutsche Frauen* schließlich immer noch zuerst der Reproduktion des deutschen Volkes dienen sollen.
Hier zeigt sich auch, dass nicht nur aus rassismuskritischer Perspektive mit Bürgerwehr und Co. kein Blumentopf zu gewinnen ist. Auch aus feministischer Sicht handelt es sich um eine rückwärtsgewandte Kritik, die dort formuliert wird. Die Rechte von Frauen* und Homosexuellen werden zwar gerne hochgehalten (und damit die Selbstvergewisserung, in erwähnter moderner Gesellschaft zu leben), aber stets verbunden mit der Sichtweise, in Deutschland seien ja alle tolerant und die Menschen emanzipiert und gleichberechtigt. Entsprechend aggressiv werden Forderungen nach zusätzlicher Gleichstellung – Stichwort gleichgeschlechtliche Ehe oder Equal Pay Day – zurückgewiesen, denn mensch soll es ja auch nicht übertreiben. Was nervt, ist der Sexismus der anderen, was in Schland geschieht, habe schließlich mit Sexismus nichts zu tun. Als feministische und pro-feministische Menschen dürfen wir das Feld nicht denen überlassen, für die der Kampf gegen Sexismus erst an der Außengrenze beginnt.
Weil wir Sexismus in jeder Form bekämpfen wollen unabhängig von Herkunft, Geschlecht, Religion oder Klasse von Täter*innen oder Opfern und weil den rassistischen Fehlinterpretationen sexueller Übergriffe entgegengetreten werden muss, beteiligen wir uns an der Demonstration gegen Sexismus und Rassismus in Köln am 12. März (Aufruf des Demo-Bündnisses). Kommt mit uns um 13 Uhr zum Hbf Köln. Menschen aus unserer Region schließen sich am besten dem Zugtreffpunkt in Dortmund um 10:30 Uhr am Nordausgang des Hauptbahnhofs am Cinestar an. Die Auseinandersetzung mit Sexismus darf nicht gegen die mit Rassismus ausgespielt werde und umgekehrt!
Unser Feminismus ist antirassistisch – time to reclaim feminism!

Mit Gebetskranz gegen Selbstbestimmung

Neben denen, die Sexismus als Ticket für ihre rassistischen Inhalte nutzen und feministische Ideale und Gleichheitsforderungen negieren, versuchen auch andere, progressive Veränderungen zu verhindern oder wieder rückgängig zu machen. Eine solche Gruppe stellen fundamentalistische Christ*innen und ihre Freund*innen dar. Zwar sind die meisten Religionen ohnehin nicht für feministische Inhalte bekannt und ihre fundamentalistischen Ausprägungen umso weniger. Im Gegensatz zu den meisten anderen besitzen christliche Fundamentalist*innen in Deutschland aber eine Lobby und ein gewisses Maß an Einfluss. Vor allem innerhalb der sogenannten „Lebensrechtsbewegung“ wettern sie gegen das Selbstbestimmungsrecht von Frauen* über ihren Körper. Der Einsatz für das Lebensrecht des „ungeborenen Lebens“, das gegen das Recht auf (auch reproduktive) Selbstbestimmung insbesondere von Frauen* ausgespielt wird, dient dabei als Aufhänger, um ebenso Verhütung, Homosexualität, Sex vor der Ehe, ausdifferenzierte Geschlechterverständnisse und andere „Gottlosigkeiten“ anzuprangern. Die Auseinandersetzung um den Körper von Frauen*, Familienpolitik und Sexualmoral dient als Bühne, auf der eine generelle Kulturkritik von konservativer bis rechter Seite formuliert wird. Entsprechend bündnisfähig erweisen sich die Fundamentalist*innen auch auf ihren Events, auf denen die Schnittmengen zu Gruppen wie Pegida, der AfD, Verschwörungstheoretiker*innen, Maskulinist*innen und auch Neonazis offen zu Tage treten. Durch die völkisch-nationalistische Brille sehen sie die Existenz ihres (weißen, deutschen) Volkes bedroht, sei es durch Migrant*innen, die Weltverschwörung, die nicht selten dem Feminismus unterstellt wird oder eben durch Verhütung, Abtreibung und angeblichen „Volkstod“.
Die „Demos für alle“, die insbesondere in Baden-Württemberg stattfanden und -finden, stellen den momentanen Gipfel der Zusammenarbeit dieser Spektren dar. Die Demos richteten sich gegen den baden-württembergischen „Bildungsplan 2015“, der die Thematisierung von sexueller Vielfalt im Schulunterricht festschreiben sollte. Christliche Fundamentalist*innen witterten eine groß angelegte Verschwörung zur „Frühsexualisierung“ und zur „ideologischen Umerziehung“, zur „Verschwulung“ ihrer Kinder. Die Demonstrationen waren von Beginn an auch ein Anlaufpunkt für AfD-Anhänger*innen, einige Neonazis und Mitglieder der Identitären. Mit Birgit Kelle trat eine rechts-konservative Publizistin mehrmals als Rednerin auf. Gemeinsamer Hauptfeind ist „der“ Feminismus, dem die Verantwortlichkeit für all das vorgeworfen wird, was die eigene Familie oder gleich das ganze Volk zersetze (Abtreibung, Verhütung, Erwerbstätigkeit von Frauen*, queere Identitäten usw.).
Auf dem „Marsch für das Leben“ in Berlin sind Gruppen aus dem rechten Spektrum weniger deutlich präsent. Dafür genießt dieser die Unterstützung zahlreicher Politiker*innen. Hubert Hüppe (MdB für die CDU aus Werne) schreibt beispielsweise Grußworte an die Fundamentalist*innen. In Münster findet mit dem „1000-Kreuze-Marsch“ das dritte größere Event für fundamentalistische Christ*innen statt. Der von Euro-Pro-Life organisierte Gebetszug läuft jährlich im März und stellt ein skurriles Spektakel dar, bei dem Fundamentalist*innen mit weißen Holzkreuzen (für die angeblich 1000 abgetriebenen Kinder täglich) betend durch die Stadt ziehen. Am Ende werden die Namen fiktiver Kinder vorgetragen, die aufgrund von Abtreibung nie geboren wurden. Dies wird glücklicherweise von starken Protesten begleitet. Auch dieses Jahr, am 19. März, wollen die Abtreibungsgegner*innen wieder durch die Stadt ziehen. Auch dieses Jahr werden wir das nicht stillschweigend hinnehmen. Die Veranstaltungen der christlichen Fundamentalist*innen dienen dazu, antifeministische Positionen fester in der Gesellschaft zu verankern, als sie es vielfach leider ohnehin schon sind, und dem Versuch, die männlichen (weißen) Privilegien z.B. in Form traditioneller Familienbilder zu sichern. Außerdem bieten sie auch weiteren (rechts)konservativen Strömungen die Möglichkeit, ihre Inhalte salonfähig zu machen. Gegen religiösen Fundamentalismus, Antifeminismus und den Versuch, das Recht auf reproduktive Selbstbestimmung zu untergraben, wollen wir gemeinsam in Münster am 19. März gegen den 1000-Kreuze-Marsch protestieren. Infos und Hintergründe zu dem Marsch findet ihr hier. Your body, your choice!

Das Virtuelle ist politisch

Ein weiterer Punkt, dem wir Beachtung schenken möchten, ist die Verankerung sexistischer Vorstellungen im Alltag. Ebenso wie andere in unserer Gesellschaft verankerte Herrschaftsverhältnisse prägen auch patriarchale Strukturen und Heteronormativität unser Leben von klein auf. Sie sind präsent in der Art, wie wir sprechen, spiegeln sich in unserem Denken und Handeln. Sie werden in Büchern, Filmen, TV-Serien und anderen Medien (re)produziert, die wiederum dazu beitragen, unsere bereits vorhandenen Denkmuster zu bestätigen. Hört sich ziemlich bitter an und ist es auch. Glücklicherweise ist es wider der scheinbaren Aussichtslosigkeit möglich, diese Verhältnisse zu erkennen, sie zu brechen und zu verändern. Einen kleinen Blick darauf, wie sexistische Darstellungen und stereotype Geschlechterrollen in Medien präsentiert werden und unser Denken in Bezug auf Geschlecht(er) prägen, wirft das Café Chaos in Werne mit einem Vortrag zu Geschlechterrollen in Videospielen am 25. März. Viele (nicht alle) Gamer*innen negieren oft den politischen Gehalt dessen, was sie konsumieren – insbesondere dann, wenn Kritik an ihren Lieblingsspielen geübt wird. Die Konsequenz vom beharrlichen Ablehnen kritischer Einwürfe, ob von feministischer oder antirassistischer Seite, und das Identifizieren der Kritiker*innen als „das eigentliche Problem“, ist ebenfalls Teil des Rollbacks, der sich in vielen Bereichen der Gesellschaft beobachten lässt. Nicht wenige Menschen, die unter dem Label Gamergate firmieren, um nur ein Beispiel zu nennen, führen den Kampf mit harten Bandagen gegen alles, was sich positiv auf feministische Inhalte bezieht und/oder ihre liebsten Videospiele auf die Reproduktion von Diskriminierung und Herrschaftsverhältnissen untersucht. Die Einsicht, dass das Private politisch ist, hört nicht vor dem Bildschirm auf. Daher empfehlen wir den Vortrag im Café Chaos. Alles weitere dazu findet ihr auf deren Facebookseite. Ein ähnlicher Vortrag findet auch im Antifacafé in Dortmund am 10. März statt. Die Infos dazu gibt’s hier.

So what?

In unserem Text sind wir auf drei Dimensionen eingegangen, auf denen wir einen antifeministischen Rollback beobachten. Sicherlich ist weder unsere Analyse der Weisheit letzter Schluss noch die Aufzählung annähernd vollständig. Wir freuen uns über Kritik an unserem Text und sind gerne bereit, diesen zu diskutieren. Unsere Auswahl gründet zum einen in der Aktualität und Wichtigkeit der drei Felder und zum anderen – zugegebenermaßen – in der Tatsache, dass der März die Möglichkeit bietet, sich mit diesen auseinanderzusetzen. Wir möchten dazu aufrufen, sich dem Versuch, progressive Änderungen hinsichtlich der Gleichheit aller Menschen egal welchen Geschlechts zu verhindern oder rückgängig zu machen, entgegenzustellen. Der Rollback von (rechts-)konservativer Seite erwächst aus den existierenden patriarchalen Strukturen und den vorhandenen heteronormativen Denkmustern in der gesamten Gesellschaft. Wir möchten daher nicht bei der Kritik am aktuellen Antifeminismus stehenbleiben, sehen in ihm aber die aggressivste Gefahr für das bereits Erkämpfte. Wir sehen uns – in Köln, Münster, Dortmund oder Werne. Gegen jeden Antifeminismus, für das schöne Leben für alle!